Lagerwaren als Kreditsicherheit: Während Banken sich zurückhalten, machen andere das Geschäft

In den Warenlagern von Unternehmen schlummert gebundenes Kapital in Milliardenhöhe. Bankhäuser machen bisher einen Bogen um diese kurzfristigen Vermögenswerte. Wie diese zum kalkulierbaren Risiko werden und Unternehmen dadurch liquide Mittel erhalten.

Für Finanzinstitute bedeuten Lagerwaren als Kreditsicherheit einen hohen Verwaltungsaufwand, denn Banken haben bis heute viele Prozesse nicht digitalisiert und automatisiert. Dazu kommt eine hohe Fehleranfälligkeit: Nicht selten erhalten Firmenkunden Excel-Tabellen, die sie monatlich befüllen, um der Bank den Lagerbestand mitzuteilen. Die Stichproben funktionieren ebenfalls analog. Die Kreditlinien, die heute in diesem Segment vergeben werden, sind daher entweder teuer oder rechnen sich nur über eine Mischkalkulation bei Kunden mit grossem Geschäftsvolumen.

Grosses Marktpotenzial, aber auch hoher Wettbewerb

Unternehmen müssen in Vorprodukte oder Handelswaren investieren. Je nach Branche ist der Einkäufer von saisonalen Verfügbarkeiten oder eingeschränkten Lieferbedingungen abhängig – ein hoher Lagerbestand sichert operative Risiken ab, bindet aber auch mehr Kapital. 

Eine Reihe von Akteuren, die nicht dem klassischen Bankensektor angehören, hat dieses Potenzial bereits erkannt: Flexiblere Zahlungsziele beim Grosshandel, Finetrading und Factoring sind Möglichkeiten für Unternehmen, eine höhere Liquidität zu erreichen. Anbieter wie Amazon und Paypal haben diesen Markt längst für sich entdeckt und mit alternativen Finanzierungsangeboten Fakten geschaffen. Sie nutzen ihr grenzübergreifendes Netzwerk und den hohen Digitalisierungsgrad ihrer Kunden, um standardisierte Finanzierungsangebote zu machen. Die Branche kann sich den Luxus nicht leisten, dieses Geschäftsfeld zu vernachlässigen.

Lagerwaren: Hohe Umlaufgeschwindigkeit und geringe Transparenz

Um zu verstehen, wo das Problem liegt, lohnt ein Blick zurück in das prä-digitale Zeitalter. Lagerwarenkredite zu guten Konditionen für Unternehmen waren vor dem globalisierten just-in-time Handel keine Seltenheit. Abhängig von den jeweiligen Werten der Warenvorräte wurden Kreditlinien vergeben. Heute sinkt die Verweildauer in den Lagern. Die Preise schwanken ständig. Eine zuverlässige Bewertung eines Lagerbestandes ist mit den vorhandenen Instrumenten nicht mehr möglich. Zugang zu Informationen haben die Banken nur über ihre Unternehmenskunden. All das schlägt sich in den Risikokosten nieder, welche das Kreditinstitut an den Kunden weiterreicht.

Zugang zu Logistikdaten und aktuellen Marktpreisen

Schon heute ist die Beschaffungs-, Liefer- und Lagerlogistik auf Firmenkundenseite in der Regel komplett digitalisiert. Verknüpft man diese Daten mit Echtzeitinformationen über die aktuelle Entwicklung von Einkaufs- und Verkaufspreis sowie mit historischen Daten, können Kreditentscheidungen auf einer neuen, effizienteren Basis mit digitaler Unterstützung erfolgen.

Über digital definierte Schnittstellen ist ein direkter Zugang zu allen gängigen ERP-Systemen möglich. Hieraus können detaillierte Artikeldaten in Echtzeit automatisiert und in regelmässigen Abständen mit Marktdaten der entsprechend verfügbaren virtuellen Marktplätze abgeglichen werden. Das gilt für alle klar bezeichneten Handelsartikel im Gross- und Einzelhandel, aber auch für Rohstoffe und Güter von Stahl bis Kaffee. 

Mit diesen Informationen reduziert sich das Risiko für die Hausbank signifikant. Der zunehmende inhaltliche Austausch mit dem Unternehmenskunden führt auch zu einem besseren gegenseitigen Verständnis.

Lagerwaren-Finanzierung: Ein Praxisbeispiel

Zu den ersten Kunden von Unternehmensseite gehört Media Shop aus Österreich. Das TV-Shopping-Unternehmen ist europaweit in 12 Ländern erfolgreich tätig und erweitert sein Portfolio derzeit vor allem im Online- und Grosshandel. Die Hausbank Erste Bank, mit der Labest seit Ende 2018 im Rahmen einer Kooperation zusammenarbeitet, passt das Kreditvolumen jetzt flexibel dem Warenbestand an:

Die erhöhte Transparenz bei Lagerfinanzierungen und den Synergien im Bereich des Sicherheiten-Monitorings verknüpft die zunehmenden Anforderungen unserer Kunden mit den neuen Möglichkeiten der digitalen Welt.

Patrick Götz, Head of Corporate Flow Products bei der Erste Group

In diesem Geschäftsjahr erreicht das Volumen der mit Labest vergebenen Kredite die 300 Mio. Euro-Marke. Drei weitere Kooperationen mit internationalen Banken stehen in den Startlöchern: Kunden und Hausbanken wurden bereits an die Software angebunden.

Banken und FinTechs: Innovationen gemeinsam realisieren

Verpasst die Kreditwirtschaft den Anschluss, verlagert sich die Warenfinanzierung weiter in die Logistik- und Paymentwirtschaft. Labest erlebt, wie schwer es ist, Banken von einer substantiellen Zusammenarbeit zu überzeugen. Dabei bietet die Digitalisierung der Wirtschaft Banken grosse Chancen, ihr Geschäftsmodell anzupassen. Dafür müssen die Institute wieder lernen, das Geschäft ihrer Kunden zu verstehen. Schnelligkeit und effiziente Abwicklung der Kreditprozesse bestimmen die Entscheidung des Kreditkunden. Die Risikokultur und die Prozesse innerhalb der Banken müssen sich schnellstens dem sich dynamisch verändernden Markt anpassen. FinTechs wie Labest können dabei wichtige Partner und nicht nur Dienstleister sein.